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Trilogie des Fiatgeldes (II): Das fraktionelle Reservesystem, die Mutter aller Finanzkrisen und die Quelle der Ohnmacht der Notenbanken

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Genial aus der Sicht der Banken war, dass sie das fraktionelle Reservesystem in das Zeitalter des FED hinüberretten konnten – sie waren selber erstaunt, dass ihnen dies gelang und der Geniestreich nur von einigen wenigen Senatoren und Beobachtern durchschaut wurde. So konnten sie ihr eigenes Buchgeld weiterhin emittieren und dies einzig und allein mit dem Versprechen, es jederzeit in Bargeld umzutauschen.

Dies mit einer kleinen, sprich fraktionellen Reserve, die für gute Zeiten genügte, in turbulenten Phasen mit grossen Umtauschwünschen des Publikums aber auch in der Zukunft ungenügend war. Genau jener Teil des alten Systems mit seiner inhärenten Instabilität wurde in die Zukunft gerettet, wohl in der insgeheimen Hoffnung, dass das FED alsdann schon einspringen werde, was es dann in den 1930er Jahren – aus welchen Gründen auch immer – doch nicht tat.

Der Staat liess sich unverständlicherweise bloss mit der Emission von Münzen abspeisen; die auch aus Seignorage-Gründen viel interessantere Ausgabe von Noten überliess er dem FED. Das ist übrigens auch in der Schweiz so.

Aus der Sicht der Volkswirtschaftslehre und der Notenbankpolitik war ganz besonders verheerend, dass irgendjemand auf die Idee kam, die Geldmenge liesse sich selbst bei einem fraktionellen Reservesystem durch die Notenbank steuern. Der Geldmultiplikator und die entsprechende Geldschöpfungstheorie schürte die „wissenschaftliche“ Illusion, dass die Notenbanken mittels einer kleinen Erhöhung (Reduktion) der monetären Basis (Noten und Giroguthaben) eine grosse Expansion (Schrumpfung) der Geldmenge erreichen konnten, und dies gemäss einer stabilen Beziehung. Noch bis vor kurzem war diese Theorie auch auf der Homepage der SNB nachzulesen.

Jedenfalls prägte diese Theorie respektive Illusion die Notenbankpolitik über Jahrzehnte. Mittels einer Steuerung der monetären Basis wollten die Notenbanken die Geldmenge so bestimmen, dass die Inflation tief blieb und die Konjunktur nicht allzu grosse Ausschläge (insbesondere gegen unten) zeigte.

Das Resultat war gemessen an der Inflationsrate, insbesondere der 1970er Jahre, absolut unbefriedigend. Der Monetarismus erhob sein Haupt in der Meinung, die keynesianische Geldpolitik sei dafür verantwortlich; es hätte vielmehr einer strikten und restriktiveren Geldpolitik bedurft. Praktisch niemand kam auf die Idee, dass es möglicherweise systemimmanent war, dass die Notenbanken fallieren mussten.

Es gab allerdings bereits 1990 wissenschaftliche Stimmen, die ihre Zweifel äusserten. Finn E. Kydland und Edward C. Prescott („Business Cycles: Real Facts and a Monetary Myth“, Federal Reserve Bank of Minneapolis, Spring 1990) fanden in den realen Daten der Jahre 1954 bis 1989 nichts, was darauf hingedeutet hätte, dass die monetäre Basis (die damalige Geldpolitik also) den Wirtschaftszyklus bestimmte. Im Gegenteil, es war eher so, dass der Zyklus die Geldpolitik prägte.

Sie schlussfolgerten daraus, „that credit arrangements could play a significant role in future business cycle theory.“ (S. 17). Es waren wohl eben doch die Banken, die mit ihrer Geldschöpfung – im Gegensatz zur Geldmultiplikatortheorie – die Geldmenge bestimmten und nicht die Geldpolitik der Notenbanken.

Das ist auch plausibel, wenn man sich vergegenwärtigt, dass das Bankenbuchgeld einen viel höheren Anteil an der Geldmenge M1 ausmacht als das Notenbankgeld. Das ist nichts mehr als gesunder Menschenverstand. Bis heute hat sich allerdings kaum viel verändert, wie selbst der Starökonom der Schweiz feststellt. „Die grössten Schwächen waren, dass die makroökonomischen Modelle den Finanzsektor unzureichend abgebildet haben. Da muss man selbstkritisch sein, da hat die Makroökonomie einen blinden Fleck gehabt.“ (Ernst Fehr, Interview NZZ, 8. September 2017).

Irgendwann liessen die Notenbanken – aus nie offenbarten Gründen – von einer direkten Geldmengensteuerung ab und gingen zu einer Zinsteuerung über. Dass dieser Versuch scheitern musste, war zum Vornherein klar. Denn schon die einfache Preistheorie besagt, dass man entweder den Preis (Zins) oder die Menge bestimmen kann, aber nicht beides zugleich. Wenn die Notenbank den Zins bestimmt, dann legen die Banken die Geldmenge fest.

Trotz angeblich genialer Taylor Regel war es letztlich ein erster Schritt zur totalen Kapitulation der Geldpolitik der Notenbanken. Auch wenn sie dazu noch das Instrument der Mindestreserven in ihren Händen halten, müssen sie letztlich bei gegebenem Zins alle Geldmengenwünsche der Banken befriedigen.

Deshalb hat Pascal Hügli Recht, wenn er darauf hinweist, dass die Geschäftsbanken nur dann beliebig aus dem Nichts schöpfen können, wenn die Notenbank mitmacht. Und das tat und tut sie, wenn sie den Zins und nicht die Menge bestimmt. Trotzdem ist die Kritik an der klassischen Geldschöpfungstheorie angebracht; ganz einfach, weil sie falsch ist und den Tatsachen der effektiven Geldschöpfung durch die Banken in keiner Art und Weise entspricht.

„Most economic theories are wrong. Fortunately, most wrong theories are irrelevant. But some wrong theories are relevant.“ Charles B. Blankart (in „Economic Theories You Should Forget“, Springer International Publishing AG 2017). Leider gehört die klassische Geldschöpfungstheorie nicht zu den Theorien, die in dieser Publikation behandelt wurden.

Die relative Ohnmacht der zinssteuernden Notenbanken hatte sich bereits bei der Inflationsbekämpfung durch Paul Volcker in den 1980er Jahren gezeigt. Die Zinsen mussten auf ein horrendes Niveau (beinahe 20%) angehoben werden, um die inflationäre Kredit- beziehungsweise Geldschöpfung der Banken zu stoppen.

Spätestens hier hätten die Notenbankpolitiker oder ihre Stäbe darauf aufmerksam werden sollen, dass der Kollateralschaden eines solchen Eingriffs in den Preismechanismus in keinem Verhältnis dazu steht, allenfalls am grundlegenden fraktionellen Reservesystem etwas zu ändern. Aber das war und ist ein Tabu.

Nach der Finanzkrise von 2008 war im Gegensatz zur Volcker-Zeit selbst ein Zinsniveau von praktisch Null nicht tief genug, um die Banken dazu zu veranlassen, der Realwirtschaft mehr Kredit respektive Bankengeld zur Verfügung zu stellen. Liquidität war und ist zwar in Hülle und Fülle vorhanden – die Banken zogen (und ziehen) es jedoch vor, die Zusatzliquidität bei der Notenbank zu platzieren oder sie in (Staats-)Obligationen oder anderem anzulegen. Der Liquiditätsimpuls der Notenbanken erreichte die Realwirtschaft so nur am Rande.

Ehrlicherweise sollte man von einem völligen Versagen der zinsgesteuerten Geldpolitik sprechen und die Konsequenzen daraus ziehen, als sich über die müssige Frage aufzuhalten, warum die Inflation ihr Haupt einfach nicht erheben will. Wenn die hohe Liquidität (gemessen an den Giroguthaben der Banken) nicht für zusätzliche Kredite respektive zur Schöpfung von Bankenbuchgeld verwendet wird, bewegt sich in der Realwirtschaft nichts, auch die Inflation nicht.

Die Banken bestimmen diesen an sich relevantesten Teil der Geldpolitik – die Notenbanken ihrerseits schauen dagegen nur ohnmächtig zu, wie ihr Pulver am falschen Ort (Finanzmärkte) verschossen wird. Das angebliche Inflations-Mysterium (Finanz und Wirtschaft, 5. Juli 2017) ist an sich eben doch keines.

Anstatt zuzugeben, dass ihre zinsorientierte Geldpolitik versagt hat, zündeten die verzweifelten (sofern sie dies selbst überhaupt realisiert hatten) Notenbanken mit dem Quantitative Easing eine weitere Stufe in ihrem unbewussten und eh schon verlorenen Kampf gegen das überlegene fraktionelle Reservesystem. Auch die von einigen Notenbanken herbeigewünschte Abschaffung des Bargeldes würde ihnen da kaum helfen, im Gegenteil. Sie könnten zwar den Zins noch tiefer in negative Gefilde drücken; die relevante Geldmenge könnten sie letztlich aber noch weniger bestimmen, weil sie das gesetzliche Zahlungsmittel – zumindest implizit – auch noch den Banken zuschieben würden. Wer hätte wohl das grösste Interesse daran? Wohl kaum bloss die edlen Ritter gegen das schwarze und/oder kriminelle Geld.

Das Quantitative Easing ist die de facto Bankrotterklärung der Notenbanken gegenüber dem fraktionellen Reservesystem. „Die Geldpolitik funktioniert über die Beeinflussung der relativen Preise am Finanzmarkt. Eine Zinssenkung hat Auswirkungen auf die Bewertung von Aktiven und so auf Angebot und Nachfrage nach Kredit. Das ist ein zentraler Grund, weshalb die Geldpolitik überhaupt wirkt. Aussergewöhnlich ist derzeit die sehr lange Phase mit extrem expansiver Geldpolitik, wodurch auch die Preise von Vermögenswerten unüblich lange in die gleiche Richtung beeinflusst werden. Das ist bis zu einem bestimmten Grad beabsichtigt, weil die Geldpolitik eine positive Wirkung auf die Wirtschaft erzeugen will.“ (Thomas Jordan, Finanz und Wirtschaft, 2. September 2017)

Es grenzt beinahe schon an Überheblichkeit, wenn die SNB auf ihrer Homepage schreibt: „Das Geld, das wir verwenden, kommt nicht nur von der Nationalbank. Auch die Banken schaffen Geld, indem sie Kredite vergeben – doch nicht unbegrenzt. Letztlich ist die Geldpolitik der Nationalbank entscheidend für das Ausmass der Geldschöpfung.“ (SNB, Stand 10.8.2017)

Diese Aussage widerspricht dem gesunden Menschenverstand. Der Schwanz wedelt mit dem Hund, wenn die Banken 90% des Geldes herstellen und die SNB bloss 10%.

„Aber gerade in der Wissenschaft, wo es gelegentlich an ihm mangelt und er wenig geachtet ist, wäre es zu begrüssen, wenn der Common Sense eine grössere Rolle spielte.“ (Jared Diamond, NZZ 5. Januar 2017)

Milton Friedman würde sich im Grab drehen, wenn er sich so etwas anhören müsste. Seiner Meinung nach ist es nicht die Aufgabe der Notenbanken, relative Preise zu beeinflussen, sondern die Geldmenge möglichst gut zu steuern, beispielsweise im Sinne seiner 3%-Regel für M1. Sollte dies nicht möglich sein, gilt es, die Ursache anzupacken – und die liegt eindeutig im fraktionellen Reservesystem, in dem die Banken letztlich die „Geldpolitik“ betreiben und nicht die Notenbanken.

Auch deshalb hat sich Friedman für die Einführung des 100%-Geldes ausgesprochen, welches die Banken dazu verpflichtet, ihr Bankenbuchgeld vollständig mit Reserven zu hinterlegen. Der privaten Geldschöpfung ist damit ein Riegel geschoben, so wie es auch die ökonomische Theorie verlangt und selbst liberale Gedankengänge nahelegen. Dass es noch besser geht als mit 100%-Geld, wird der dritte Teil der Trilogie des Fiatgeldes aufzuzeigen versuchen.

Staatliches Geld ist seit jeher verpönt. Einzig die Münzen wurden dem Staat zur Emission überlassen. Die Ausgabe der Noten hat man (wer eigentlich?) ihm nicht gegönnt, sondern der Notenbank übertragen. Auch bei uns in der Schweiz.

Woher stammt dieses Unbehagen mit der staatlichen Geldemission? Warum ist die monetäre Staatsfinanzierung den meisten Notenbanken untersagt? Wenn der Staat schon das Geldmonopol besitzt, dann wäre es doch auch naheliegend, dass er zumindest einen Teil davon zur Finanzierung seines Haushalts oder zumindest von Infrastrukturinvestitionen verwendet. Mit dem Münzgewinn allein kann er keine grossen Stricke zerreissen. Anstatt sich zumindest teilweise monetär zu finanzieren, nimmt der Staat Schulden auf. Warum sollte dies besser sein?

„Wenn unsere Nation eine Dollaranleihe auflegen kann, dann kann sie auch eine Dollarnote in Umlauf bringen. Der wesentliche Bestandteil, der eine Anleihe absichert, tut das auch bei einem Geldschein. Der Unterschied zwischen einer Anleihe und einem Geldschein ist der, dass bei einer Anleihe die Geldmakler den doppelten Betrag der Anleihe kassieren können plus einer zusätzlichen Provision von 20 Prozent, während eine Währung nur diejenigen bezahlt, die direkt einen wie auch immer gearteten nützlichen Betrag leisten. Es ist absurd zu behaupten, unser Land könne 30 Millionen Dollar in Umlauf bringen, nicht aber 30 Millionen Dollar in eigener Währung. Beides sind Zahlungsversprechen, aber eines dieser Versprechen mästet die Wucherer, und das andere hilft dem Volk.“ (Thomas Edison 1921)

Ganz besonders streng mit den staatlichen Finanzierungsgrundsätzen sind die Deutschen. Sie haben nicht locker gelassen, bis die Europäische Zentralbank (EZB) das Verbot der monetären Staatsfinanzierung in ihren Satzungen explizit aufführte. Noch heute üben die deutschen Verfassungsrichter harte Kritik am Anleihekaufprogramm der EZB, weil sie hinter den zugrundeliegenden Beschlüssen einen Verstoss gegen das Verbot der monetären Staatsfinanzierung sehen.

Auf den ersten Blick ist es verständlich, dass gerade die Deutschen auf dieses Thema so sensitiv reagieren. Denn sie mussten in den 1920er Jahren eine Hyperinflation über sich ergehen lassen, die seinesgleichen suchte. In den Hochzeiten der Hyperinflation mussten mehr als 5 Milliarden Reichsmark für einen Laib Brot wahrlich mit dem Karren herbeigeschafft werden. Es war der verheerendste Inflationsfall in der Geschichte der westlichen Welt.

Diese Hyperinflation wird in den volkswirtschaftlichen Lehrbüchern und den Vorlesungen als abschreckendes Beispiel für die staatliche Papiergeldausgabe schlechthin dargestellt. Es war zwar eigentlich nicht der Staat, der das Papiergeld emittierte, sondern die Reichsbank. Sie hatte in der Tat tausende von Druckereien mit dem Gelddrucken beauftragt und später das sogenannte Notgeld sogar den Privaten zum Eigendruck überlassen. War sie aber wirklich nur die ausführende Hand des unersättlichen Staates, der mit seinen Finanzen einfach masslos über alle Stränge gehauen hat, wie es meistens suggeriert wird?

Werfen wir kurz einen Blick auf die Fakten. Erstens war die Reichsbank eine private Bank. Sie war zweitens unabhängig vom Staat, weil es die Siegermächte des ersten Weltkriegs Deutschland so diktierten. Sie hatte drittens einen Generalrat, der aus sieben deutschen und sieben ausländischen Vertretern bestand (Amerika, England, Frankreich, Italien, Belgien, Holland – und sogar die Schweiz war vertreten). Alle Massnahmen und alle Daten der Reichsbank wurden vom Ausland kontrolliert, und zwar so, dass deren Interessen gewahrt blieben. (Hjalmar Schacht, „Magie des Geldes“, kurz HS, S. 222). Alle Vertreter waren angeblich Finanzexperten.

Viertens war der Versailler Vertrag mit seinen Forderungen an Deutschland sozusagen die wirtschaftliche Fortsetzung des ersten Weltkrieges.

„Der Versailler Vertrag ist ein Modell ausgeklügelter Massnahmen zur wirtschaftlichen Zerstörung Deutschlands … Das Reich konnte keinen anderen Weg finden, den Kopf über Wasser zu halten, als die inflationäre Notlösung, Banknoten zu drucken.“ (Hjalmar Schacht, „Die Stabilisierung der Mark“, 1927, zitiert nach Stephen Zarlenga, „Der Mythos vom Geld – die Geschichte der Macht“, 1999, Conzett Verlag Zürich)

Die Reparationsforderungen waren so hoch (einige sprachen vom dreifachen Volksvermögen Deutschlands) und erst noch in Fremdwährungen beziehungsweise in Goldmark zu begleichen, dass es für Deutschland zum vornherein unmöglich war, die Forderungen zu erfüllen. Das wussten fünftens auch die Finanzmarktteilnehmer, für die es offensichtlich war, dass die Reichsmark unter dieser Last zur Schwäche neigen würde.

Sie konnten sich sechstens sogar bei der Reichsbank unter den Augen der ausländischen Generalräte Kredite beschaffen und die Reichsmark leerverkaufen. Ein höchst einträgliches und fast risikoloses Geschäft.

Für beide, denn die Reichsbank konnte für das Gelddrucken aus dem Nichts Zinsen verlangen und sie für ihre privaten Eigentümer in Gewinne ummünzen. Die Leerverkäufer konnten die Reichsmark zu viel tieferen Kursen zurückkaufen, die Kredite mit Zins problemlos zurückzahlen und so noch grössere private Gewinne einfahren.

So erstaunt es nicht, dass die private Reichsbank solche Kredite in grossem Umfange vergab. Wie einträglich das Geschäft für die Leerverkäufer sein musste, zeigt sich daran, dass sich die Abwertung der Reichsmark immer schneller verzehnfachte und schliesslich im November 1923 bei 4,2 Billionen Mark für einen US-Dollar notierte.

Unsäglich der Reichtum, der da auf der Seite der Spekulanten geschaffen wurde – unsäglich die Armut, die dem deutschen Volk auferlegt wurde und die es bis heute nicht vergessen hat (aber nicht fähig war, die wahren Gründe zu durchschauen).

Glücklicherweise wurde Hjalmar Schacht, ein ausgebildeter Volkswirt mit langjähriger Bankerfahrung, im Laufe des Jahres 1923 Reichsbankpräsident. Er handelte umgehend und trocknete den Spekulationssumpf hocheffizient und schnell aus. Lassen wir es ihn in seinen Worten erklären:

„Am 22. November 1923 beschloss die Reichsbank, den Dollarkurs auf 4,2 Billionen Mark festzuhalten. … Die Spekulanten aber glaubten nicht, dass die Reichsbank auf die Dauer imstande sein würde, den Kurs zu halten, und kauften Dollar über Dollar auf Termin zu sehr viel höheren Kursen. Gegen Ende November erreichte der Dollar auf dem freien Markt der Kölner Börse einen Kurs von 12 Billionen. Die Spekulation war nicht nur wirtschaftsfeindlich, sondern auch dumm. In den Jahren vorher hatte man derartige Spekulationen betrieben entweder mit Krediten, die die Reichsbank reichlich gab, oder mit Notgeld, das man selber druckte und in Reichsmarknoten umtauschte.“ (HS S. 93)

„Die früher reichlich fliessenden Kredite der Reichsbank wurden nicht mehr gegeben … Es dauerte keine zehn Tage, bis der von der Reichsbank festgesetzte Kurs von 4,2 Billionen wieder erreicht war.“ (HS S. 93).

Schacht führte auch die Bestimmung ein, dass Devisenaufträge von den Banken nur auszuführen seien, wenn die volle Deckung dafür in deutschem Geld bei den Banken hinterlegt wurde. Sie war zwar von verschiedenen Instituten ungeachtet geblieben, aber nach einer Strafaktion durch Schacht auch gegen eine Grossbank doch erfolgreich durchgesetzt worden. (HS S. 95).

„Am 5. April 1924 ging die Verfügung hinaus, dass mit Wirkung vom 7. April keinerlei neuer Kredit gegeben werden würde, dass jede neuere Diskontierung von Wechseln eingestellt werde und Diskontierungen nur noch insoweit stattfinden könnten, als durch Rückzahlung von Krediten der Reichsbank wieder Gelder zuflössen.“ (HS S. 96)

„Nicht nur die Währung, sondern auch der Glaube an die Währung war mit dieser Aktion gerettet. Dieser Glaube stützte sich nicht auf lange Beweisführungen oder Masshalteregeln, er war erzwungen durch die Tat. Der Preisindex des Grosshandels, der im April noch 124 betragen hatte, ging schon im Juni auf 115 zurück.“ (HS S. 96)

„Zum ersten Mal seit einem Jahrzehnt funktionierte der deutsche Devisenmarkt reibungslos und vollständig.“ (HS S. 96) Das war im Juni 1924.

Schacht hatte es geschafft, die Spekulanten in die Wüste zu schicken (wie es die Bank of England auch mit Soros hätte tun sollen) und das deutsche Volk von der grausamen Hyperinflation zu befreien. Letztere war nicht primär die Folge einer masslosen Papiergeldemission durch den Staat, sondern eine solche durch die Reichsbank, die mit ihren privaten Eignern die Spekulationsorgie gegen die eigene Reichsmark zu immensen privaten Gewinnen nutzte und die unvorstellbaren Kosten dem deutschen Volk aufbürdete.

Dass letzteres noch heute die Konsequenzen einer neuerlichen Hyperinflation fürchtet wie der Teufel das Weihwasser, ist verständlich. Unverständlich ist indessen, dass die führenden deutschen Ökonomen bis heute nicht wahr haben wollen, dass es nicht der Staat, sondern primär die private Spekulation war, die die Wirtschaft in den Ruin stürzte.

So hat sich auch die deutsche Bundesbank aus offensichtlich falschen Gründen für ein Verbot monetärer Staatsfinanzierung eingesetzt, wie viele andere Notenbanken auch. Die meisten Ökonomen sind durch das oberflächliche Betrachten der historischen Ereignisse ebenfalls in die Irre geführt worden.

Einer der wenigen Ökonomen, die die monetäre Finanzierung von Staatsdefiziten begrüssten, war ausgerechnet der erzliberale Milton Friedman. (A Monetary and Fiscal Framework for Economic Stability, The American Economic Review, 38, p. 245-264, 1948) Es würde nicht erstaunen, wenn er die Weimarer Hyperinflation viel besser analysiert hätte als alle anderen. Wahrscheinlich ist er auch dem wahren Grund für das Verbot der monetären Staatsfinanzierung auf die Schliche gekommen.

Es liegt nämlich darin, dass die Grossbanken ihr Schuldenmonopol gegenüber dem Staat aufrechterhalten wollten und wollen. Ohne eigene Geldemission war und ist der Staat gezwungen, allfällige Staatsdefizite mit Schulden zu finanzieren. Die entsprechenden Gelder schaffen die Banken aus dem Nichts, verlangen dafür aber einen Zins (der reine Seignorage, also eine Rente ist). Sollte dies nicht genügen, begrüssen sie den Kapitalmarkt und können so an der Platzierung von Anleihen auch wieder gutes Geld verdienen.

Die Banken sind es, die am meisten Interesse an einer Verschuldung der Staaten (und übrigens auch der Privaten) haben, weil sie so ihr kostenlos gebuchtes Fiatgeld mit Zinsen „arbeiten“ lassen können. Das weltweite Verschuldungsproblem ist letztlich von Banken- und nicht von Staatshand initiiert worden. Und wenn es im Bankensystem einmal Probleme geben sollte, wie beispielsweise in der Finanzkrise, dann werden sie mit Staatsschulden aus dem Wege geräumt.

Auf Schulden wohlverstanden, an denen die Banken neuerlich mitverdienen – im Sinne eines Perpetuum mobile sozusagen.

All jenen Puristen, die die Staats- und anderen Schulden zurückfahren wollen, sei ins Tagebuch geschrieben, dass dies ohne deflationären Prozess nicht möglich ist, weil die gesamte Finanz- und Geldwirtschaft in der Zwangsjacke der Banken steckt. Denn der Abbau der Kredite wäre in unserem Geldsystem automatisch mit einer Reduktion des Bankenbuchgeldes und so der gesamten Geldmenge verbunden (es sei denn die Notenbanken würden die monetäre Basis und die ausstehenden Noten explodieren lassen, um die Wirkung auf die Geldmenge zu kompensieren). Wären alle Schulden getilgt, dann gäbe es in der heutigen Wirtschaftsordnung praktisch kein Geld mehr, denn dasselbe ist – wie nun sogar die SNB in ihrem Lexikon schreibt – durch Kredit entstanden. Unser heutiges Geldsystem ist letztlich inhärent schuldengetrieben: Ohne Schuld kein Geld.

Ohne Geld aber wäre die Wirtschaft in einer tiefen Depression – noch tiefer als in den 1930er Jahren. Wer heute massive Schuldenrückzahlungen fordert, propagiert implizit eine Geldpolitik, die die Volkswirtschaften zwingend in den wirtschaftlichen Abgrund führt. Deshalb sitzen die meisten Notenbanken ebenso in der Schuldenfalle wie die Staaten mit ihrer Fiskalpolitik. Ein Entrinnen gibt es für die Geldpolitik (und allenfalls auch die Fiskalpolitik) nur, wenn die Geld- von der Kreditschöpfung getrennt wird.

Vielleicht kann dieser ökonomische Sachverhalt den Schweizer Souverän ebenfalls zur Annahme der anstehenden Vollgeldinitiative bewegen – denn sie stellt diese Trennung in den Vordergrund.

Das Schuldenproblem lässt sich im heutigen Geldsystem wohl einzig und allein durch eine Inflationierung, also einer realen Entwertung der Schulden lösen. Das wissen auch die Notenbanken, und vielleicht haben sie den Boden dazu mit ihrer immensen Liquiditätsschwemme schon ganz bewusst vorbereitet – ohne dem Volk und insbesondere den Rentnern reinen Wein einzuschenken. Grundsätzlich gäbe es allerdings noch eine weitere Variante.

Das absolute „worst case“ Szenario für die Banken wäre, wenn Staat und Notenbank fusionieren würden. An sich gehören beide dem Volk, und der Gedanke wäre so abwegig ja gar nicht. Die japanische Notenbank besitzt bereits 44% der Staatsschulden, und wenn sie so weiterfährt, dann wird sie in einigen Jahren alle Anleihen des Staates in ihrem Portefeuille halten.

Wenn sich die beiden dann – mit oder ohne Volksabstimmung – zu einer Fusion entscheiden, dann werden alle Staatsschulden auf einmal einfach weg sein (ohne dass die Geldmenge zusammenbricht). Dies, weil sich Guthaben und Schulden gegenseitig aufheben.

Was spricht überhaupt gegen eine Fusion? Sicher die Interessen der Banken. Aber was sonst noch? Warum will das FED seine Bilanz überhaupt normalisieren? Warum schreitet es nicht mit den Aufkäufen von Staatsanleihen fort? Nur weil die Banken und die Neoliberalen dagegen sind?

Die einen wohl aus Gewinnsucht; die anderen aus ideologischen Gründen.

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Christoph Zenger
Christoph Zenger ist Mitinhaber der Zuger Vermögensberaterin Covasys Wyttenbach & Zenger und leitete früher UBS-Anlagefonds.
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