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Vollgeld – Eine umfassende Analyse

Am 10. Juni stimmen wir in der Schweiz auf nationaler Ebene über die Vollgeld-Initiative ab. Diese widmet sich einer der wohl komplexesten und zugleich wesentlichsten Thematiken unserer Gesellschaft: unserem Finanzsystem. Die Idee des Vollgeldes geht weit über die Initiative in der Schweiz hinaus und ist heute in erster Linie Bestandteil der «Modern Monetary Theory». Ihren Ursprung lässt sich in das 19. Jahrhundert zurückverfolgen. Auf der Webseite der deutschen Vollgeld-Vereinigung ist zu lesen:

Vollgeld steht in der Tradition der Currency School der 1830–40er und der staatlichen Theorie des Geldes (Chartalismus), die es seit ungefähr 1900 gibt und steht im Unterschied zu den Lehren der Banking School. (Vollgeld-Vereinigung Deutschland)

In der Wahrnehmung scheinen sich heute heilige Allianzen um die Idee des Vollgeldes zu bilden. So hört man immer wieder wirtschaftsliberale Ökonomen – allen voran der Deutsche Thomas Mayer – ihren postkeynesianischen Kameraden in diesem Thema beizupflichten.

Der Grund mag wohl in der deckungsgleichen Analyse unseres Finanzsystems begründet sein. Gemäss dieser sei dieses heute instabil und fragil und somit inhärent anfällig für Krisen. Instabilität und Fragilität würden daher rühren, dass unser Finanzsystem einer «künstlichen» Kreditgeldschöpfung durch die Geschäftsbanken unterliege (jene der Zentralbanken wird von Vollgeld-Sympathisanten gerne übersehen). Gemeint ist: Durch die Vergabe neuer Kredite schöpfen die Geschäftsbanken neues Kreditgeld, das nicht durch reale Ersparnisse bzw. Zentralbankengeld als Reserve gedeckt sei.

Vertreter der Vollgeld-Idee weisen darauf hin, dass heute zwischen Zentralbankengeld und Buchgeld zu unterscheiden ist. Zentralbankengeld sind physische Banknoten und -münzen oder elektronisches Zentralbankengeld. Letzteres halten die Geschäftsbanken in Form von Sichtguthaben bei der Zentralbank. Buchgeld hingegen wird von Geschäftsbanken geschaffen und existiert in unserem heutigen Finanzsystem ausschliesslich in elektronischer Form. Vergibt eine Geschäftsbanken einen Kredit irgendeiner Art oder nimmt neue Einlagen (Depositen) von Geschäftsbankkunden entgegen, schöpft sie damit neues elektronisches Buchgeld – manchmal auch Giralgeld genannt – und verlängert dadurch ihre Bilanz.

Da die Geschäftsbanken nicht verpflichtet sind, diese Einlagen in vollumfänglicher Reserve zu halten, sondern ihnen bloss ein Mindestreservesatz vorgeschrieben ist, verleihen sie die Depositen der Einleger. Letztlich ist also der Einleger, der mit den Einlagen auf seinem Sichtguthabenkonto der Geschäftsbank Kredit gibt. Anders ausgedrückt: Elektronisches Buchgeld ist heute nicht gesetzliches Zahlungsmittel, sondern «bloss» eine allgemein akzeptierte Forderung auf dasselbe. Aufgrund dieser Tatsachen wird unser Finanzsystem deshalb auch als fraktionales Reservesystem beschrieben. Bei den Vollgeld-Befürwortern ist nachzulesen:

Das heutige Geldsystem ist ein sogenanntes fraktionales Reservesystem, d.h. die anrechenbaren Aktiva der Geschäftsbank (Bargeld- und Guthaben bei der Nationalbank) sind nur ein Bruchteil – eine Fraktion – der massgeblichen Verbindlichkeiten der Banken gegenüber den Kunden. (Monetäre Modernisierung)

Geschäftsbanken haben nur einen Bruchteil ihrer Kundeneinlagen mit Zentralbankengeld gedeckt – das ist heute allgemein bekannt. Nur logisch also, dass die Vollgeld-Initiative diesbezüglich Sympathiepunkte erntet. Eine realistische Ökonomik lehrt uns: Das Geschäftsmodell der Geschäftsbanken in unserem Finanzsystem ähnelt tatsächlich einem heiklen Drahtseilakt. «Künstlich» geschöpfte Kreditgeldmengen – vor allem dann, wenn falsche Anreize eine Ausweitung noch begünstigen – führen unweigerlich zu Verzerrungen innerhalb von Finanz- und Wirtschaftsstruktur, und somit zu Instabilität und Krisenanfälligkeit.

Wie also möchte die Vollgeld-Initiative diese Instabilität wettmachen? Deren Hauptanliegen besteht darin, das fraktionale Reservesystem abzuschaffen. Auf politischem Weg soll ein System eingeführt werden, welches die «künstliche» Kreditgeldschöpfung durch die Geschäftsbanken unterbindet. Im Vollgeld-System hätten die Geschäftsbanken die Zahlungsverkehrskonten und Sparkonten der Kunden zu trennen. Die Zahlungsverkehrskonten der Kunden wären vollständig mit Zentralbankengeld als Reserve zu decken. Die Sparkonten der Kunden hingegen wären in Firmenkrediten, Hypotheken, Obligationen, Aktien oder sonstigen Wertpapieren anzulegen und durch eine jeweils vertraglich vereinbarte Haltefrist zu sichern.

Auf diese Weise soll die Schöpfung des Schweizer Franken – egal ob in der Form von Münzen, Banknoten oder Buchgeld – nur noch der Schweizerischen Nationalbank obliegen. Auch hätte sie die Geldmenge zu steuern und das Funktionieren des Zahlungsverkehrs sowie die Versorgung der Wirtschaft mit Krediten durch die Finanzdienstleister zu gewährleisten. Die Kreditvergabe an Wirtschaft und Haushalte soll dadurch garantiert sein, dass neu geschaffene Schweizer Franken schuldenfrei über den Bund oder die Kantone an die Bürger ausgeben werden können. Gleichzeitig soll die Schweizerische Zentralbank auch den Geschäftsbanken weiterhin Darlehen gewähren können.

Dass ein derart kompliziertes Thema überhaupt zur Abstimmung kommt, ist auf die Finanzkrise von 2008 zurückzuführen. Im Zuge der grossen Rezession haben alternative und heterodoxe Denkansätze an Popularität gewonnen. So erzeugen Aktionen stets Gegenreaktionen. Während die Krypto-Revolution (der Autor dieser Zeilen startet demnächst eine Artikel-Serie, in welcher dieses Thema in aller Tiefe angegangen werden soll) eher als unkoordinierte, spontane Bottom-up-Reaktion zu beurteilen ist, die ausserhalb des bestehenden Systems eine Änderung herbeiführen will, zielt der Vollgeld-Gedanke auf eine politisch-orchestrierte Top-Down-Reform ab.

Die vergangene Finanzkrise ist allerdings bloss ein Symptom einer grösseren Herausforderung. Es scheint so, als hätten Vollgelder-Befürworter die Problematik unserer Zeit intuitiv erkannt. Ihre Rhetorik, in welcher sie bloss das Symptom benennen, lässt jedoch darauf schliessen, dass sie sich des eigentlichen Kerns nicht bewusst sind. Gleichwohl scheinen sie instinktiv zu spüren: Unser Papiergeldsystem steht vor einer Umbruchphase. Das Wiederaufleben des Vollgeld-Gedankens ist der wohl entscheidendste Hinweis darauf, dass das Papiergeldzeitalter seinem Ende entgegengeht.

Doch was genau ist das Papiergeldzeitalter? Und wie kann man behaupten, wir würden noch in einem Papiergeldzeitalter leben, wo doch die überwältigende Mehrheit aller Finanztransaktionen heute elektronisch über die Bühne geht?

Der etwas anachronistisch wirkende Begriff meint weniger die Substanz oder das Trägermittel einer Währung, sondern den Wert dahinter: Unsere heutigen Papiergeldwährungen sind nicht mehr wie früher durch den Sachwert Gold gedeckt. Dasi ist historisch so gewachsen. Bis noch vor vierzig Jahren hatte ein jeder Schweizer Bürger das Recht, seine Schweizer Franken bei der Nationalbank in eine entsprechende Menge Gold einzulösen. Heute geht das nicht mehr, da keine Einlösungspflicht mehr besteht. Unsere Schweizer Franken sind fachtechnisch gesprochen nicht-einlösbares Geld, eine 20er-Note lässt sich lediglich gegen eine neue 20er-Note austauschen. Diese Nicht-Einlösbarkeit der Währung in einen Sachwert ist das Wesensmerkmale aller heutigen Währungen, weshalb man von Papiergeld spricht.

Aufgrund dieser Nicht-Einlösbarkeit in einen Sachwert wird heute allgemein geschlussfolgert: Währungen, wie der Schweizer Franken, sind Zeichengeld – also pures Konventionalgeld, das gänzlich auf Vertrauen basiert. Häufig wird in diesem Zusammenhang auch der Begriff des Fiat-Geldes – «fiat» für «es werde» im Lateinischen – verwendet. Diese Schlussfolgerung ist allerdings nicht ganz richtig. Unsere Währungen sind heute – wenn auch nur bilanztechnisch – noch immer durch Staatsanleihen und andere Wertpapiere «gedeckt». Eine Einlösungspflicht besteht zwar auch hier nicht. Wer seine 20er-Note bei der Nationalbank für einen Anteil an einer Staatsanleihe einlösen will, wird abgewiesen. Was bloss eine Schimäre zu sein scheint, ist allerdings ein ausgeklügelter Taschenspielertrick, der für den Wert und somit das Vertrauen in heutige Papiergeldwährungen nicht unwesentlich ist. Denn bilanztechnisch gesehen ist der Schweizer Franken eine Verpflichtung der Schweizer Nationalbank. Kreiert sie Schweizer Franken in Form von Papiergeld oder elektronischen Sichtguthaben, erhöht sie damit ihre Passiven (Verpflichtungen), welche sie in ihrer Bilanz mit einem Vermögenswert (Staatsanleihen oder andere Wertschriften) auf der Aktiv-Seite auszugleichen hat.

Der Staatsanleihe kommt hier eine entscheidende Rolle zu, da sie gewissermassen das Fundament der Währung bildet: Da Schweizer Franken geschaffen werden und mittels neu emittierter oder aufgestockter Staatsanleihe bilanztechnisch gedeckt werden, basiert die Schaffung neuer Schweizer Franken letztlich auf einem Akt des Verschuldens vonseiten des Staates. Daher erweisen sich aktuelle Papiergeldwährungen als Schuldgeld. Die Staatsanleihe ermöglicht zudem die Mobilisierung privaten Kapitals. Mit dem Kauf einer Staatsanleihe können private Wirtschaftsakteure gewissermassen an der Plünderung ihrer Mitmenschen teilhaben und werden so auch in diese Taschenspielerei miteinbezogen.

Warum aber dieses komplizierte Prozedere inklusive Verschuldungsakt? Letzterer garantiert, dass eine Papiergeldwährung durch einen Sachzwang «gesichert» ist. Aufgrund von Verschuldung hat ein Schuldner jenes Zahlungsmittel inhärent nachzufragen, mit welchem er seine Schuld begleichen kann. Im Falle der Staatsanleihe ergibt sich hier eine kuriose Zirkularität: Der Staat muss seine Schuld in Form der Staatsanleihe in jener Währung bezahlen, welche bilanztechnisch durch eine Staatsanleihe gedeckt sein muss, die wiederum in der entsprechenden Währung beglichen werden muss. Es zeigt sich also: Entgegen der allgemeinen Meinung ist der Wert unserer heutigen Papiergeldwährungen weder eine blosse Illusion, noch eine blinde Vertrauenssache. Am Beispiel des Dollars klärt der amerikanische Ökonom Keith Weiner diesen Umstand auf:

Der Wert des Dollars ist jedoch keine Illusion. Es hat Wert, weil fast jeder Produzent in der Wirtschaft eine Dollarschuld schuldet. (Keith Weiner)

Schuldtitel sind somit die wesentliche Wertdeckung unseres heutigen Papiergeldsystems. Es ist der Sachzwang, der Schuldner dazu antreibt ihre Schuld abzuzahlen und somit innerhalb unseres Papiergeldsystems für eine konstante Nachfrage nach der entsprechenden Währung sorgt – egal ob Dollar, Euro oder Schweizer Franken.

Auch das Vertrauen in die Papiergeldwährung ist nicht willkürlich, sondern hat ihre Begründung. Es speist sich aus dem Wert und der Funktionalität der zugrundeliegenden Staatsanleihe. Und diese beiden Faktoren hängen letztlich davon, wie sicher das Versprechen des Staates ist, seinen Bürgern über Steuern die Einnahmen für die Finanzierung der Staatsanleihen abnehmen zu können.

Hierin zeigt sich der wohl wichtigste Hinweis auf das kommende Ableben des Papiergeldzeitalters. Immer mehr Staaten werden künftig mehr Mühe bekunden, die Glaubwürdigkeit ihres Versprechens aufrechtzuerhalten. Schwindet die staatliche Fähigkeit Steuern einzutreiben, zieht das der Staatsschuld den Boden unter den Füssen weg, was den Zusammenbruch des Papiergeldsystems nach sich ziehen wird.

Doch stimmt diese Erwartung? In der Schweiz ist davon noch wenig zu spüren. In anderen Ländern jedoch, allen voran Deutschland, scheinen sich diesbezüglich die ersten Vorboten zu zeigen: Jährlich kehren über 100’000 Deutsche ihrem Heimatland den Rücken. In etlichen Deutschen Zeitungen ist zu lesen:

2016 wanderten sogar über 4’000 Millionäre aus. Ein paar Jahre zuvor waren es noch ein paar Hundert jährlich. (Stern-Magazin)

In anderen europäischen Ländern sieht die Lage nicht anders aus. Eine nicht unwesentliche Tatsache also, sind es doch vor allem die reichen Bürger eines Landes, welche die überwiegende Mehrheit der Steuergelder entrichten. Auch die vielfach gefeierte Digitalisierung leistet in dieser Hinsicht ihren Beitrag. Der libanesische Ökonom Saifedean Ammous beschreibt diese Entwicklung in seinem neuen Buch:

In «The Sovereign Individual» argumentieren James Davidson und William Rees-Mogg, dass der moderne Nationalstaat mit seinen restriktiven Gesetzen, hohen Steuern und totalitären Impulsen ein Ausmass angenommen hat, das an die Unterdrückung der Freiheit der Bürger durch die Kirche im europäischen Mittelalter erinnert und deshalb geradezu reif für Disruption ist. […] Da die wirtschaftliche Produktion mehr und mehr die Form immaterieller Güter annimmt, sinkt der relative Wert von Land und physischen Produktionsmitteln, wodurch die Erträge aus der gewaltsamen Aneignung dieser physischen Produktionsmittel sinken. Produktives Kapital in Form von Humankapital verlagert sich immer mehr zu den Individuen selbst, was die Fähigkeit zur gewaltsamen Aneignung durch den Staat zunehmend aushöhlt. […] Da die geistigen Fähigkeiten des Einzelnen zur wichtigsten Produktivkraft der Gesellschaft werden, wird die Bedrohung durch legalisierte Plünderung in Form von Steuern weit weniger wirksam. Menschen können leicht in Länder abziehen, in denen sie weniger Steuern ausgesetzt sind, oder sie können auf Computern produktiv sein, ohne dass die Regierung überhaupt weiss, was sie produzieren.

Die Digitalisierung ermöglicht immer mehr Wertschöpfungsmöglichkeiten orts- und damit staatenunabhängig. Über Peer-to-Peer-Netzwerk, also die Möglichkeit, globaler Direkt-Handel mit Fremden zu betreiben, lassen sich immer besser jene Bedürfnisse abdecken, welche bislang durch die bürokratisch trägen und unflexiblen Wohlfahrtstaatsinstitutionen haben bezogen werden müssen. Weltumspannende Blockchain-Protokolle werden in dieser Hinsicht weitere Möglichkeiten bieten, genauso wie Kryptowährungen zu alternativen Zufluchtsorten werden, die es Bürgern erlauben, staatliche Papiergeldwährungen teilweise zu umgehen. Gleichzeitig – und hier tragen neben der digitalen Revolution auch politisch forcierte Massnahmen bei – werden Gesellschaften immer heterogener. Auch diese Tatsache lässt erahnen, dass ein fortschreitender Verlust an gesellschaftlicher Homogenität, die so wichtige Komponente einer intakten Vertrauenskultur untergräbt (und dies auch tut), was sich letztlich negativ auf gesellschaftliche Steuermoral und staatliche Steuerkompetenz auswirken wird.

Steuerarbitrage ist heute längst keine Frage des Reichtums mehr, sondern viel eher eine Frage der Aussichten und der Mobilität. Erkennen deshalb immer mehr mobile, ortsunabhängige, weltoffene, produktive Menschen, dass sie der erdrückenden und zunehmend als unfair wahrgenommenen Steuerlast nicht hoffnungslos ausgeliefert sind, dürfte dies das feudalistische Prinzip des Steuerstaates, der darauf beruht, dass die zu besteuernden Faktoren überwiegend immobil sind, Schritt für Schritt aushöhlen.

Geht diese Steuerhoheit also verloren, löst sich das Papiergeldsystem unweigerlich auf wie eine Brausetablette im Wasserglas. Ist Vollgeld deshalb die Lösung, um das Papiergeldsystem vor seinem drohenden Kollaps zu bewahren und es auf eine neue solidere Basis zu stellen?

Da das Vollgeld-System keiner Schuldtitel zur Deckung der Währung mehr bedürfte und diese schuldenfrei in Umlauf gebracht würde, wäre es wohl tatsächlich transparenter und gerechter. Was dabei aber vergessen geht: Wie bereits argumentiert, ermöglicht der Verschuldungsakt über Schuldtitel nicht nur Flexibilität, sondern über den beschriebenen systemischen Sachzwang auch eine Stabilität. Das Vollgeld-System, das ohne dieses auskommt, ist daher viel vertrauensabhängiger. Potenzielle Negativ-Gerüchte, Spannungen und Erschütterungen dürften das Vertrauen in das System viel schneller schwinden lassen. Denn Vollgeld ist ultimatives Vertrauensgeld. Ob es in einer Zeit schwindenden Vertrauens deshalb die Lösung sein kann, ist anzuzweifeln. Würde die Vollgeld-Initiative das Finanzsystem wenigstens krisensicher machen? Nein, da auch sie das fundamentale Problem unseres Geldsystems nicht löst: Die Nicht-Einlösbarkeit der Papierwährung (ein Folgeartikel wird sich diesem Thema und einer potenziellen Lösung widmen).

Die Vollgeld-Befürworter argumentieren, dass auch das Vertrauen in ein Vollgeld eine Art «objektiver Ankerpunkt» kennt. So kategorisieren sie eine Vollgeld-Währung als Eigenkapital am Wirtschaftssystem, dessen Grundlage eben diese Vollgeld-Währung ist:

Betrachten wir den Fall von Eigenkapital an einem Unternehmen. Ein erfolgreich geführtes Unternehmen wird den Wert seines Eigenkapital steigern, während bei einem schlecht geführten Unternehmen das Eigenkapital sinkt. […] In ähnlicher Weise wird die Produktionskapazität eines gut geführten Staates und einer gut geführten Wirtschaft steigen und damit auch der Wert der Vollgeld-Währung. Ein schlecht geführter oder korrupter Staat wird die Produktionskapazität und damit auch den Wert seiner Vollgeld-Währung einbrechen sehen. Der Wert der Vollgeld-Währung hängt also in erheblichem Maße von der Wirksamkeit des Staates ab, so wie der Wert eines Unternehmens durch dessen Erfolg bedingt ist. Man könnte daher argumentieren, dass Vollgeld Eigenkapital an der Gesamtwirtschaft eines Staates darstellt. (Ben Dyson & Graham Hodgson)

Mittels dieser Argumentation wird die Vertrauensproblematik allerdings nur verlagert. Ein das Finanzsystem stützender Sachzwang, wie er dem heutigen Papiergeldsystem zugrunde liegt, ergibt sich nicht. Stabilisierend wirkt lediglich eine hoch komplexe Wirtschaftsstruktur, die in unserer Zeit der globalen Verflochtenheit selbst immer fragiler wird. Die Analogie vom Staat als Unternehmer und seiner Vollgeld-Währung als Eigenkapital an der Wirtschaftsleistung dieses Staates mag zwar verlockend klingen. Der österreichische Ökonom Ludwig von Mises würde jedoch vehement widersprechen, betrachtet er «staatliches» und «marktwirtschaftliches» Handeln im Wesentlichen doch als Gegensätze:

Bürokratisches (staatliches) Wirtschaften ist die Methode zur Führung von Verwaltungsgeschäften, welche keinen Geldwert auf dem Markt haben. Man beachte, dass wir nicht sagen, dass die erfolgreiche Handhabung öffentlicher Angelegenheiten keinen Wert besitzt, sondern dass ihr Wert nicht durch Markttransaktionen ersichtlich wird und dass er konsequenterweise nicht in Geldbegriffen ausgedrückt werden kann. […] Ein Amt ist kein gewinnorientiertes Unternehmen; es kann keinen Nutzen aus der Wirtschaftsrechnung ziehen; es muss Probleme lösen, die der Privatwirtschaft unbekannt sind. Seine Leitung kann unmöglich verbessert werden, indem man es nach dem Vorbild der Privatwirtschaft umformt. Es ist ein Fehler, die Effizienz eines Ministeriums durch den Vergleich mit der Arbeitsweise eines – den Wechselwirkungen der Marktkräfte ausgesetzten – Unternehmens zu beurteilen. (Ludwig von Mises)

Die Vertrauensgrundlage ist in einem Vollgeld-System auch noch aus einem anderen Grund anzuzweifeln. Und zwar setzen die Vollgeld-Befürworter ihr Vertrauen zu sehr grossen Stücken in die Zentralbank. Mit der Vollgeld-Initiative soll die Nationalbank zu einer vierten «unabhängigen» Instanz werden und so das Prinzip der Gewaltenteilung komplementieren. Auf der Webseite ist zu lesen:

Die Schweizerischen Nationalbank SNB soll dank einer Vollgeldreform gestärkt werden und noch mehr sowohl von den Begehrlichkeiten der Wirtschaft als auch von jenen des Staates unabhängigen öffentlichen Institution werden: zu einer “Monetative”. In Analogie zur Unabhängigkeit der Judikative von der Legislative und Exekutive muss die Nationalbank unabhängig und nur Verfassung und Gesetzen sowie dem aktuellen Wissensstand und dem Gemeinwohl verpflichtet sein. (Monetäre Modernisierung)

Diese Erweiterung der Gewaltenteilung um eine Monetative mag als «rechtstaatliche» Ergänzung und daher sinnvollen Akt angesehen werden, der noch dazu das «demokratische» Credo heutiger Staaten untermauert. Doch letztlich wird die Monetative, das in sie gesetzte Vertrauen unweigerlich enttäuschen müssen, da sie ihrer Aufgabe niemals gerecht werden kann. Wie möchte sie auch, setzt doch das Steuern, Koordinieren und Administrieren einer Wirtschaft und dessen Geldbedarf ein niemals mögliches Allwissen voraus. In der Bestrebung möglichst viele der unendlich vielen Wissensfetzen zu aggregieren, wird eine Monetative ihre Fühler breit ausstrecken müssen. Doch das wird sie zweifellos in jenen Morast abgleiten lassen, wo eine Hand die andere wäscht. Eine durch Machtdynamiken getriebene Verpolitisierung ist nicht zu umgehen. Die Allokationsvorgänge der Monetative verkommen zu Schönheitscontesten, an denen jeder einen möglichst hohen Preis für sich absahnen möchte. Fehlentscheidungen und Klientelpolitik werden so nicht der Vergangenheit angehören, sie werden halt eben nur zentralisiert sein, was potenziell verheerender ist. Die Vollgeld-Idee zementiert das altbekannte Problem: Wer kontrolliert die Kontrolleure?

Auch wenn die Monetative hehren Prinzipen folgen und ausschliesslich ehrliche, rechtschaffene Vertreter beschäftigen sollte, den so wichtigen externen Anreizen und Zügelungskräften, die dem privaten Wettbewerb entstammen, wäre diese Institution nicht mehr ausgesetzt. Der geldpolitische Schlendrian dürfte daher noch viel stärker Einzug halten, als dies heute der Fall ist. Denn obschon der oft gescholtene Finanzmarktkapitalismus keiner ist, und Geschäftsbanken ein staatlich geschütztes Kartell innehaben, sind sie noch immer dazu angehalten, eine gewisse Disziplin bei der Kreditvergabe walten zu lassen. Aufgrund ihrer Bereicherungsabsichten prüfen sie Kreditnehmer auf ihre Bonität und Rückzahlungsfähigkeit. Das wirkt disziplinierend und schafft eine gewisse «Effizienz». Nicht das Banken heute wirklich effizient wären, doch ginge es wohl noch weitaus ineffizienter – wie in einem Vollgeldsystem eben.

Angenommen die Vollgeld-Initiative würde am 10. Juni durchkommen und die Schweiz als eines der ersten Länder zu einem Vollgeldsystem wechseln. Würde man dessen Befürworter in fünfzig Jahren bitten, eine Bilanz zu ziehen, dürfte das Verdikt ernüchternd ausfallen. So wäre es sehr wahrscheinlich, dass das Vollgeldsystem von 2068 kaum etwas mit den Ideen, Hoffnungen und Intentionen von 2018 zu tun hätte. Denn das gleiche Schicksal teilen heute schon die Konzepte «Demokratie», «Rechtsstaat» und «soziale Marktwirtschaft» – alles Ideen, die von ihren Begründern heute nicht mehr als solche erkannt würden (ein Folgeartikel wird sich diesem Thema widmen).

Literatur:

Ammous, Saifedean: The Bitcoin Standard: The Decentralized Alternative to Central Banking

Deutsche Vollgeld-Vereinigung: https://www.vollgeld.de/was-ist-vollgeld/

Dyson Ben & Hodgson Graham: Accounting For Sovereign Money: Why State-Issued Money is Not Debt

Monetäre Modernisierung: http://vollgeld.ch/fragen/faq/384-das-heutige-system/1395-47was-ist-ein-fraktionales-reservesystem

Monetäre Modernisierung: http://www.vollgeld.ch/fragen/faq/385-die-vollgeldreform/1418-70was-ist-mit-monetative-gemeint

Stern-Magazin: https://www.stern.de/wirtschaft/geld/millionaere-fliehen-aus-deutschland—die-nerze-verlassen-das-sinkende-schiff-7354096.html

Von Mises, Ludwig: Die Bürokratie

Weiner, Keith: https://www.sprottmoney.com/Blog/slaves-to-government-debt-paper-keith-weiner-26-032018.html

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Pascal Hügli
Pascal Hügli, Jahrgang 1990, schloss sein Studium der Politischen Ökonomie mit einem Bachelor ab und ist freier Journalist.
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