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Negativzinsen, unser notwendiges Übel

Warum die Schweizer Negativzinspolitik trotz aller leidigen Nebenwirkungen bis auf weiteres unumgänglich ist.

Negativzinsen, unser notwendiges Übel

Muss sich der EZB und deren zementierten Negativpolitik anpassen: SNB-Präsident Thomas Jordan. Foto: Keystone/Anthony Anex

Negativzinsen in der Schweiz sind ein Sonderfall. Denn die Schweiz hat keine Negativzinsen, um das Wirtschaftswachstum anzukurbeln oder um bedrohte Schuldner vor dem Zusammenbruch zu retten. Die Negativzinsen hierzulande haben nur einen einzigen Grund: Ein weiteres Erstarken des Schweizer Frankens soll verhindert werden. Dazu müssen Geldanlagen in der Schweiz genügend unattraktiv gemacht werden. Der Zins muss geringer sein als im Ausland und vor allem geringer als in der Eurozone. Und weil die Eurozone im Moment ebenfalls negative Zinsen hat und nicht daran denkt, diese in nächster Zeit anzuheben, müssen wir noch stärker negative Zinsen haben. Das ist grob zusammengefasst die Logik der momentanen Geldpolitik der Schweiz.

In Wirklichkeit sind die negativen Zinsen aber nicht ausreichend, um die Aufwertung des Schweizer Frankens zu verhindern. Zusätzlich hat die SNB seit 2015, als die Negativzinsen eingeführt wurden, Devisen im Wert von rund 300 Milliarden Franken gekauft. Man kann sich deshalb vorstellen, was die Konsequenz einer Aufhebung der Negativzinsen wäre. Entweder der Schweizer Franken gewinnt noch einmal deutlich an Wert, oder die SNB muss massiv weitere Devisen kaufen, um das zu verhindern. Da sind Negativzinsen das kleinere Übel.

Eine klassische Falschmeldung

Allerdings wurde diese auch von der SNB vertretene Auffassung vor kurzem infrage gestellt. Diverse Zeitungen und Internetportale berichteten von einer UBS-Studie, welche gezeigt habe, dass die Kosten gesamtwirtschaftlich höher seien als der Nutzen. Eine langfristige Fortführung der Negativzinsen könne deshalb nicht mehr im Gesamtinteresse der Schweiz liegen. In Wirklichkeit ist das eine klassische Falschmeldung. Die UBS und ihr Chefökonom Daniel Kalt haben keine Studie zu Kosten und Nutzen von Negativzinsen erstellt. Was sie in Wirklichkeit gemacht haben, ist eine Umfrage unter 2500 Unternehmen in der Schweiz. Und von diesen Unternehmen gibt eine Mehrheit an, dass für sie weder Kosten noch Nutzen der Negativzinsen überwiegen.

Warum dann also die ganze Aufregung in den Medien? Die Unternehmen sollten auch noch die Auswirkung auf die gesamte Volkswirtschaft beurteilen. Und da waren zwei Drittel der befragten Unternehmen der Ansicht, die Kosten der aktuellen Geldpolitik überwiegten den Nutzen. Dieses Ergebnis ist allerdings kaum der Rede wert. Aber offenbar wollten Journalisten aus einer Mücke einen Elefanten machen.

Die Nebenwirkungen der Negativzinspolitik

Trotzdem ist es legitim, sich Gedanken über die Nebenwirkungen der gegenwärtigen Negativzinspolitik zu machen. Dabei ist es wichtig festzuhalten, dass die von Privaten bezahlten Zinsen nach wie vor positiv sind. Wir können uns vorstellen, dass Zinsen aus zwei Komponenten bestehen: einem risikolosen Zinssatz und einer Risikoprämie. Und während der risikofreie Zins für kurzfristige Staatsanleihen heute tatsächlich negativ ist, trifft dies für von Privaten bezahlte Zinsen nicht zu. Die Negativzinspolitik ist somit für die meisten Haushalte und Unternehmen als eine Niedrigzinspolitik spürbar. Diese betrifft vor allem die folgenden Akteure:

  • Pensionskassen und zukünftige Rentner und Rentnerinnen: Diesen werden aufgrund der geringen Zinsen in Zukunft ihre Pensionen gekürzt.
  • Kreditnehmer und Sparer: Die geringen Zinsen führen zu einer Bevorzugung von Kreditnehmern gegenüber den
    Sparern. Da in der Schweiz etwa 85 Prozent aller Kredite Hypothekarkredite sind, führen die Niedrigzinsen vor allem zur Vergabe von mehr Krediten zur Finanzierung von Immobilienkäufen. Dadurch kommt es zu steigenden Immobilienpreisen.
  • Banken und ihre Kunden: Finanzinstitutionen verdienen ihr Geld nicht mehr durch die Zinsdifferenz zwischen Habenzinsen und Sollzinsen, sondern sie leben von immer höheren Gebühren. Auf diese Weise haben sich Finanzdienstleistungen für die Kunden verteuert.

Das alles sind nicht wirklich wünschenswerte Entwicklungen. Doch die SNB können wir dafür letztlich nicht verantwortlich machen. Wirklich kritisieren muss man stattdessen die EZB, welche es für richtig hält, ihre Negativzinspolitik weiter zu zementieren. Die SNB muss sich dieser Politik nolens volens anpassen. In einer zunehmend globalisierten Welt kann die Geldpolitik eines kleinen Landes nie wirklich unabhängig sein.

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Mathias Binswanger
Binswanger begann seine akademische Laufbahn an der ETH Zürich mit dem Studium der Chemie, das er aber nach zwei Semestern abbrach, worauf er Wirtschaft an der Universität St. Gallen zu studieren begann und das Studium mit dem Lizentiat abschloss. Er wurde an der Universität Kassel promoviert und habilitierte sich wiederum an der Universität St. Gallen. 1998 wurde er von der Fachhochschule Nordwestschweiz zum Professor ernannt.
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