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Deutliche Unterschiede bei Bruttonationaleinkommen und Bruttoinlandsprodukt

 

Deutliche Unterschiede bei Bruttonationaleinkommen (BNE) und Bruttoinlandsprodukt (BIP)

Im Gegensatz zu Irland und Luxemburg, wo das BIP wesentlich grösser als das BNE ist, ist es mit der Schweiz umgekehrt. Aufgrund der globalen Aktivitäten der Schweizer Firmen wuchs das BNE in den letzten Jahren wesentlich stärker als das BIP. Die einzige Ausnahme sind 2007 und 2008, als die amerikanische Subprime-Krise ihren Lauf nahm.

 

Internationaler Vergleich des BNE 

Die nachstehende Tabelle zeigt die Höhe des BNE und den BNE pro Kopf im Jahr 2009 für einige EU-Länder und die Schweiz:

 

Land BNE in Millionen € BNE pro Kopf in €
Luxemburg 26’883 54’064
Norwegen 271’554 56’220
Schweiz 367’545 47’143
Niederlande 556’842 33’734
Irland 133’597 29’865
Dänemark 227’584 41’252
Österreich 272’262 32’594
Schweden 297’978 32’093
Belgien 338’296 31’305
Deutschland 2’424’850 29’615
Finnland 175’267 32’814
Vereinigtes Königreich 1’586’440 25’655
Frankreich 1’918’914 29’760
Italien 1’519’779 25’201
Portugal 161’639 15’156

 

Quellen: Statistik Schweiz, Eurostat für die Basisdaten und Berechnung des BFSDazu schreibt Georg Rich, ehemaliger Chefökonom der SNB, in der NZZ im Jahre 2005 in einer Ergänzung zu einem Beitrag von Ulrich Kohli, seinem Nachfolger. Kohli hatte einige Punkte angeführt, warum das schwache Schweizer BIP-Wachstum zwischen 1997 und 2005 eigentlich gar nicht schwach ist.

 

Die Schweizer Wirtschaft wächst schneller, als es scheint

«Zusatzverdienst» im Ausland und Reformdruck im Inland

Die Schweiz schneidet beim Realwachstum seit Jahren schlechter ab als die meisten andern Industrieländer, sofern das Bruttoinlandprodukt (BIP) pro Kopf als Messgrösse dient. Im folgenden Artikel wird dargelegt, dass für den Wohlstand jedoch die Entwicklung des Bruttonationaleinkommens (BNE) massgebend ist. Hier wird gezeigt, dass die Schweiz im Vergleich mit Nachbarländern seit 1997 nicht mehr an Boden verloren, ja zum Teil sogar gewonnen hat. Reformen erscheinen aber trotzdem als dringlich.

Die Schweiz leidet seit längerer Zeit unter einem schwachen wirtschaftlichen Wachstum. Mögliche Massnahmen zur Korrektur dieser unerfreulichen Entwicklung sind schon in einer Vielzahl von Studien untersucht worden (etwa vom Eidgenössischen Volkswirtschaftsdepartement). Die gegenwärtige Wachstumsflaute verlangt ohne Zweifel mutige Reformen. Dennoch fällt auf, dass die Sorge um die wirtschaftliche Zukunft unseres Landes manche Analytiker zu übertriebener Schwarzmalerei verleitet; diese kehren zwei wichtige Tatsachen nämlich gerne unter den Tisch: einerseits die unterschiedlichen Entwicklungen der schweizerischen Produktion und des schweizerischen Nationaleinkommens, anderseits markante Veränderungen der Wachstumsmuster seit der zweiten Hälfte der neunziger Jahre.

Schweizer Geschäfte im Ausland

Die produktiven Leistungen einer Volkswirtschaft werden in der Regel anhand des Bruttoinlandprodukts (BIP) pro Kopf der Bevölkerung gemessen. Das BIP umfasst die gesamte Wertschöpfung der inländischen Produzenten. Eine hohe Produktivität der inländischen Wirtschaft ist erforderlich, damit die Unternehmen hohe Einkommen ausschütten können. Allerdings ist es möglich, dass das von einem Land erzielte Bruttonationaleinkommen (BNE; auch Bruttosozialprodukt genannt) vom BIP abweicht. Ein Land kann seine aus einheimischer Produktion stammenden Einkommen dadurch aufstocken, dass es Geld im Ausland anlegt und darauf Erträge erzielt. Ferner kann es einheimische Arbeitskräfte, beispielsweise als Grenzgänger, ins Ausland entsenden und so zusätzliche Einkommen gewinnen. In diesem Falle übertrifft das BNE das BIP. Umgekehrt liegt das BNE unter dem BIP, sofern ein Land gegenüber dem Ausland verschuldet ist oder Arbeitskräfte mit Wohnsitz im Ausland beschäftigt, so dass ein Teil des im Inland erzielten Einkommens ins Ausland abfliesst. In den meisten Industrieländern fallen die Unterschiede zwischen BNE und BIP kaum ins Gewicht, da grenzüberschreitende Einkommensflüsse nur eine geringe Rolle spielen. Aus diesem Grund misst die OECD den Wohlstand ihrer Mitgliedsländer konsequent anhand des BIP pro Kopf der Bevölkerung. In der Schweiz, in Irland und in Luxemburg weicht indessen das BNE wesentlich vom BIP ab. Dank hohen Erträgen auf Auslandinvestitionen übersteigt in der Schweiz das BNE das BIP beträchtlich. In Irland und Luxemburg liegt dagegen das BNE unter dem BIP. In Irland gründet diese Differenz in Zins- und Dividendenzahlungen an Ausländer, während in Luxemburg die von Grenzgängern bezogenen Saläre das BNE unter das BIP drücken.

Internationale Wohlstandsvergleiche aufgrund von BIP-Zahlen sind deshalb mit Vorsicht zu geniessen – dies ist ein Problem, auf das auch der Chefökonom der Schweizerischen Nationalbank, Ulrich Kohli, unermüdlich hinweist. Was für die OECD als Ganzes recht sein mag, ist für ein einzelnes Mitgliedsland nicht unbedingt billig. Vor allem im Falle der Schweiz können Vergleiche, die allein auf das BIP abstellen, zu verzerrten Resultaten führen. Wollte man einem schweizerischen Rentner weismachen, nur der aus inländischen Ertragsquellen stammende Teil seiner Pension trage zu seinem Wohlstand bei, würde er zu Recht verwundert den Kopf schütteln. Aber genau diesen Fehler begehen die Analytiker, die ihr Augenmerk ausschliesslich auf das BIP richten. Ein weiterer Mangel mancher bisheriger Studien liegt in der Verwendung von Durchschnitten, die sich auf Perioden von willkürlicher Länge beziehen. So wird immer wieder betont, das schweizerische Realwachstum sei im Durchschnitt der letzten 15, 20 oder 25 Jahre weit hinter jenem des Auslands zurückgeblieben. Diese Durchschnitte verhüllen Änderungen in den Wachstumsmustern, die – falls sie unberücksichtigt bleiben – zu Fehlinterpretationen verleiten können. Die Tabelle 1 liefert Jahreszahlen oder Jahresdurchschnitte zum BIP und BNE pro Kopf der Bevölkerung für die Schweiz und ausgewählte andere Industrieländer. Damit sich die Pro-Kopf-Einkommen der verschiedenen Länder überhaupt vergleichen lassen, müssen die internationalen Kaufkraftunterschiede berücksichtigt werden. In der Schweiz liegen die Preise für Güter und Dienstleistungen allgemein über dem im Ausland üblichen Niveau, was die Kaufkraft der inländischen Einkommen vermindert. Deshalb werden die in den verschiedenen Ländern erzielten Einkommen zu einem fiktiven Wechselkurs in internationale US-Dollars umgewandelt. Der fiktive Wechselkurs ist so bemessen, dass mit einem internationalen US-Dollar zumindest theoretisch überall auf der Welt die gleiche Menge Güter und Dienstleistungen gekauft werden kann.

Die ersten beiden Kolonnen enthalten kaufkraftbereinigte Daten der Weltbank für das BIP pro Kopf der Bevölkerung. Die oberste Zeile weist die entsprechenden Zahlen für die Schweiz, ausgedrückt in internationalen US-Dollars, aus. Alle übrigen Daten werden als Zweijahresdurchschnitte in Prozent des schweizerischen BIP dargestellt. Die Statistiken der Weltbank zeigen eindrücklich, dass die Schweiz noch 1985/86 an der Spitze aller von der Tabelle erfassten Länder stand, aber seither erheblich an Boden verloren hat. So überflügelten 2002/03 schon vier Länder die Schweiz, und der Abstand zu allen anderen verringerte sich deutlich. Bemerkenswert ist die in der Tabelle zum Ausdruck kommende Aufholjagd des früheren Armenhauses Irland, das heute ein höheres BIP pro Kopf erzielt als die Schweiz.

Die Entwicklung des kaufkraftbereinigten BNE pro Kopf der Bevölkerung, die sich ebenfalls aufgrund der Weltbank-Daten nachzeichnen lässt, vermittelt ein weniger düsteres Bild der schweizerischen Volkswirtschaft, als wenn auf das BIP abgestellt wird. Zwar verringerte sich das Wohlstandsgefälle zwischen der Schweiz und dem Ausland ebenfalls markant. Aber die Schweiz befand sich auch 2002/03 noch eindeutig in der Spitzengruppe. So erzielte Irland trotz seiner eindrücklichen Produktivkraft auch 2002/03 ein niedrigeres BNE pro Kopf der Bevölkerung als die Schweiz. Zu den Nachbarländern bestand 2002/ 03 ebenfalls noch ein grosser Abstand, allerdings nicht mehr so ausgeprägt wie 1985/86.

Warnung vor der Durchschnittsfalle

Die Tabelle 2 präsentiert Weltbank-Daten zum Realwachstum pro Kopf der Bevölkerung für die in der vorigen Tabelle berücksichtigten Länder. Die Wachstumsraten decken den Zeitraum seit 1986 ab, werden aber separat als Durchschnitte für die drei Teilperioden 1986-1990, 1991-1996 und 1997-2003 ausgewiesen. Für die Schweiz enthält die Tabelle die effektiven Wachstumsraten, für die übrigen Länder die Differenz zum Realwachstum in der Schweiz. Daraus lassen sich zwei klare Schlussfolgerungen ziehen.

Erstens weisen fast alle Länder positive Differenzen zum BIP-Wachstum der Schweiz aus. Dies bedeutet, dass das reale BIP pro Kopf der Bevölkerung in nahezu allen Ländern stärker stieg als in der Schweiz. Das vergleichsweise schwache schweizerische BIP-Wachstum war in der Teilperiode 1991-1996 besonders ausgeprägt. Seither hat sich der Wachstumsabstand zum Ausland wieder tendenziell verringert und entspricht im Grossen und Ganzen den vor 1990 beobachteten Mustern. Dennoch besteht kein Zweifel daran, dass die Schweiz nach wie vor unter einem Wachstumsdefizit leidet, falls auf das BIP abgestellt wird. Allerdings dramatisieren Durchschnitte für die letzten 15 oder 20 Jahre den Ernst der Lage, da sie stark durch die mageren Leistungen in der Periode 1991-1996 beeinflusst werden. Dennoch ist das BIP-Wachstum seit 1997 keineswegs berauschend, denn der Abstand zu den Nachbarländern schwankt immer noch zwischen 0,3 und 0,9 Prozentpunkten. Gegenüber den meisten anderen Ländern fällt das schweizerische Wachstumsdefizit noch viel stärker ins Gewicht.

Zweitens liefert ein Vergleich aufgrund des BNE – vor allem für die dritte Teilperiode – andere Ergebnisse, als wenn auf das BIP abgestellt wird. Seit 1997 steigt das reale BNE in der Schweiz merklich stärker als das BIP. Vor allem gegenüber unseren Nachbarländern verschwinden die Wachstumsunterschiede bei Verwendung des BNE fast vollständig. In Italien wuchs das reale BNE pro Kopf in der Periode 1997-2003 ungefähr gleich stark wie in der Schweiz, in Frankreich und Österreich nur geringfügig kräftiger, während Deutschland hinter der Schweiz zurückblieb.

Die meisten übrigen Länder erbrachten immer noch markant bessere Leistungen als die Schweiz, aber der Abstand zu unserem Land war beim BNE ebenfalls geringer als beim BIP. Aus Tabelle 2 ist ersichtlich, dass sich das Wohlstandsgefälle der Schweiz seit 1997 zumindest gegenüber unseren Nachbarländern kaum mehr verringerte, obwohl die Produktivkraft unseres Landes nach wie vor zu wünschen übrig lässt. Die produktiven Leistungen der Schweiz mögen enttäuschen. Aber dies bedeutet keineswegs, dass unser Land im Begriff ist, in die Armut abzutauchen.

Hausaufgaben im Inland

Die Diskrepanz im Wachstum zwischen dem schweizerischen BNE und dem BIP widerspiegelt die seit 1997 zunehmende Bedeutung der Kapitalerträge aus dem Ausland. Die Schweiz erzielt einen immer grösseren Sparüberschuss, den sie im Ausland anlegt. Die ausgezogene Linie in der Abbildung zeigt die Entwicklung der schweizerischen Ersparnisse, die der Differenz zwischen dem BNE und dem privaten sowie staatlichen Konsum entspricht. Die gestrichelte Linie beschreibt den Verlauf der schweizerischen Bruttoinvestitionen, die seit 1990 tendenziell stagnierten, während die Ersparnisse kräftig kletterten. So sparte die Schweiz 2003 ungefähr einen Drittel ihres BNE. Sie benötigte nur gerade 60% dieser Ersparnisse zur Berappung der inländischen Investitionen. Den Rest legte sie zum grössten Teil in ausländischen Finanzaktiva oder Anteilen an ausländischen Firmen an. Angesichts der markanten Scherenbewegung zwischen Ersparnissen und Investitionen überrascht das wachsende Gewicht der Kapitalerträge aus dem Ausland nicht.

Dank hohen Ersparnissen und wachsenden Erträgen auf ausländischen Investitionen hat sich das Wohlstandsgefälle der Schweiz im Vergleich mit den Nachbarländern seit 1997 nicht mehr weiter verringert, teilweise hat es sich sogar wieder etwas vergrössert. Dennoch besteht kein Anlass, die Hände in den Schoss zu legen. Die Produktivkraft der schweizerischen Wirtschaft erhält immer noch schlechte Noten. Deshalb sind Reformen, welche die Produktivkraft der Wirtschaft stärken, unbedingt notwendig. Die OECD umreisst in ihrem jüngsten Wachstumsbericht (S. 112-113) einmal mehr die für die Schweiz notwendigen Reformschritte: Verwirklichung des schweizerischen Binnenmarktes; Abbau der Zutrittsbarrieren und Förderung des Wettbewerbs in den Bereichen der Post, Telekommunikation und Elektrizitätsversorgung; Abbau des Agrarprotektionismus sowie Stabilisierung der immer noch munter in die Höhe kletternden steuerlichen Belastung der schweizerischen Bevölkerung.

Literatur:

Eidgenössisches Volkswirtschaftsdepartement: Der Wachstumsbericht, Bern, April 2002.

Ulrich Kohli: Switzerland’s growth deficit: A real problem – but only half as bad as it looks, Vortrag im Rahmen der Wachstumskonferenz der Avenir Suisse, Zürich, 4. März 2005.

OECD: Economic Policy Reforms, Going for Growth, Paris 2005.

 

AutorGeorg Rich, früherer Chefökonom der Schweizerischen Nationalbank, ist Honorarprofessor der Universität Bern und betreibt die Rich International Consulting.

 

 

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